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ZurückIn den Bereichen der Künstlichen Intelligenz und Robotik treibt China die Entwicklungen rasant voran. Dabei wird in den staatlichen Entwicklungsplänen auf strategische Planung, gezielte Förderung und konsequente Umsetzung gesetzt. Vor diesem Hintergrund lud AK EUROPA am 15. April 2026 zu einer Evening Lecture zum Thema „Humanoide Robotik und Gehirn-Computer Schnittstellen in der Wirtschaft und Arbeitswelt – Chinas Rolle und Politik“ ein. Dabei tat sich ein spannender Blick in eine mögliche Zukunft mit großen Veränderungen auf.
Nach der Begrüßung der Gäste durch Judith Vorbach (AK EUROPA) boten in der von Peter Hilpold (AK Wien) moderierten Veranstaltung die Sinologinnen Lia Musitz und Doris Vogl Einblicke in die Entwicklung und die Einsatzbereiche von humanoider Robotik und Brain-Computer Interface (BCI) in China. Anschließend wurde das Thema von Aída Ponce Del Castillo (Europäisches Gewerkschaftsinstitut, ETUI) in den EU-Kontext eingebettet und aus der Perspektive der Arbeitnehmer:innen beleuchtet.
Chinas Strategie für eine beschleunigte Industrialisierung
Lia Musitz analysiert in ihrer Studie die politischen Maßnahmen Chinas zur Förderung der Entwicklung zukunftsweisender Industrien. China habe im internationalen Technologiewettlauf in den letzten 20 Jahren rasant aufgeholt und sei derzeit in 66 von 74 Schlüsseltechnologien weltweit federführend. Dies sei durch eine staatliche Planung gelungen, die Zielsetzungen mit Umsetzungsmaßnahmen und Akteuren verbinde. Voraussetzung staatlicher Förderung ist, dass Produkte branchenübergreifend kompatibel sind und Industriestandards entstehen. Außerdem wird der Austausch von Wissen zwischen Forschung und Industrie in Innovationszentren gefördert, noch ehe die Unternehmen im gegenseitigen Wettbewerb stehen. Pilotprojekte und Infrastruktur werden bereits vor Markteinführung entwickelt. Insgesamt wird auf diese Weise der Industrialisierungsprozess beschleunigt.
Ein anschauliches Beispiel für diesen strategischen Ansatz sei die humanoide Robotik, in der China seit 2025 weltweit erster Massenproduzent ist. Humanoide Roboter würden bislang in Pilotprojekten wie der Altenpflege oder im Verkehrsmanagement eingesetzt, ihr praktischer Nutzen sei jedoch noch begrenzt. Bemerkenswert sei, dass China als erstes Land Regulierungen eingeführt habe, die Hersteller dazu verpflichtet, Software so zu gestalten, dass diese nicht süchtig macht.
Vermehrter Einsatz von BCI am Arbeitsplatz in China
Doris Vogl untersucht in ihrer Studie Chinas Rolle auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz und widmet sich insbesondere der Entwicklung von BCI-Technologien. Im Jahr 2025 legte China fest, Smart Devices und KI-Agenten flächendeckend zu verbreiten, die Entwicklung der BCI-Branche zu beschleunigen und in die industrielle Anwendung einzubetten. Der Großteil derzeit am Markt verfügbarer BCIs sei nicht invasiv, es gäbe jedoch seit März 2026 eine invasive BCI zur medizinischen Nutzung als erstes kommerzielles Produkt am Markt. In China werden im Industrie- und Energiesektor laut Vogl nicht-invasive BCIs unter dem Vorwand der Gefahrenreduktion bereits an den Arbeitsplätzen eingesetzt. Auch im Rahmen sogenannter White-Collar Jobs sollen sie zukünftig implementiert werden. Begründet wird dies damit, dass BCI psychosoziale Gefahren, wie Stress, Trauma und Erschöpfung erkennen können und beispielsweise die Konzentrationsfähigkeit von Chirurg:innen optimiert werden kann.
In der EU sei eine baldige Einführung von BCI-Systemen am Arbeitsplatz aufgrund von EU-Vorschriften und nationalem Arbeitsrecht zwar nicht zu erwarten. Arbeitnehmer:innen könnten jedoch künftig unter Druck geraten, BCIs zu nutzen, etwa wenn bei deren Ablehnung Nachteile drohen. Es bedarf klarer Regulierungen, um diesen Herausforderungen zu entgegnen und kognitive Manipulation durch BCI-Geräte sowie Datenmissbrauch zu verhindern. In dem Zusammenhang besteht ein Diskurs über die Schaffung von Rechten für den ethischen Einsatz von Neurotechnologie und die Frage des Schutzes der Gedankenfreiheit.
Ethische und rechtliche Bedenken im Umgang mit BCI
Aída Ponce Del Castillo stellte fest, dass China BCI nicht nur als Nischentechnologie behandle, sondern sie gezielt in ein umfassendes und koordiniertes System einbette. Es verbinde dadurch Zukunftsbranchen, wie KI und Robotik miteinander, während Europa bisher nur einzelne strategische Ziele verfolge. Chinas Strategie sei teilweise intransparent und Details zu Zielen und Inhalten nicht immer klar offengelegt. In der EU gibt es keine spezifische Gesetzgebung für BCI. Aus Sicht von Ponce Del Castillo ist dies auch nicht notwendig, denn der AI-Act, die DSGVO, der Menschenrechtsrahmen, Arbeitsrechte und Arbeitnehmer:innenschutz sowie Produktsicherheitsvorschriften bieten Schutz. Die meisten BCIs würden unter den AI-Act entweder als verbotene Praktiken oder als risikoreich gelten.
In Europa werden BCIs in der Arbeitswelt grundsätzlich bislang nicht eingesetzt, weil die Manipulation des Willens von Arbeitnehmer:innen rechtlich problematisch sei und Fragen der Einwilligung bestünden. Währenddessen werde der Einsatz von BCI in China im Bergbau, Bauwesen oder Transport mit dem schnelleren Erkennen von Gefahren am Arbeitsplatz argumentiert. Tatsächlich sind die Gefahrenlagen in diesen Sektoren jedoch längst bekannt. Die angebliche Freiwilligkeit der Nutzung bleibe angesichts fehlender Datenschutzgesetze, Gewerkschaften und schwacher Arbeitsgesetzgebung in diesen Regionen fraglich. Dies zeige die Wichtigkeit, grundlegende ethische und rechtliche Fragen für einen sicheren Einsatz der zukünftigen Technologien zu klären.
Weiterführende Informationen
Lia Musitz & AK Wien Studie: Vision for Future Industries. The systematic approach of China (nur Englisch)
Doris Vogl & AK Wien Studie: China’s Position on Artificial Intelligence. Focusing on Human-AI-teaming in the Workplace (nur Englisch)
A&W-Blog: Chinas Vorreiterrolle bei Künstlicher Intelligenz (KI) am Arbeitsplatz
A&W-Blog: Europas KI-Strategie fehlt das Fundament
Rat der Europäischen Union Research Paper: From vision to reality: Promises and risks of Brain-Computer Interfaces (nur Englisch)
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