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ZurückEndlos-Scrollen, Auto-Play, Push-Benachrichtigungen – das ist Addictive Design: Soziale Medien sind so gestaltet, dass Nutzer:innen möglichst lange auf den Plattformen bleiben, mit Folgen für ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit. Am 5. März 2026 luden AK EUROPA und die Europäische Verbraucher:innenorganisation (BEUC) zu einer Publikumsveranstaltung ein, um über Addictive Design und den geplanten Digital Fairness Act zu diskutieren.
Bereits im 2024 durchgeführten Fitness-Check kam die EU-Kommission zu dem Schluss, dass das aktuelle EU-Verbraucher:Innenrecht keinen ausreichenden Schutz im digitalen Bereich bietet. Auch die Arbeiter-kammer weist seit Langem darauf hin, dass im digitalen Raum dieselben Fairness-Standards gelten müssen wie offline. Mit dem Digital Fairness Act (DFA) will die EU-Kommission problematische Online-Praktiken wie Dark Patterns, Influencer Marketing, unlautere Personalisierungspraktiken und Addictive Design gezielt eindämmen. Laut Arbeitsprogramm der Kommission ist die Vorlage des Digital Fairness Act für das vierte Quartal 2026 geplant.
Zum Auftakt der Veranstaltung präsentierte Laura Wiesböck, Senior Researcher am Institut für höhere Studien (IHS), die im Auftrag der AK Wien erstellte Studie ADDICT, die sich mit suchtförderndem Design beschäftigt. Im Anschluss diskutierte sie gemeinsam mit Maria-Myrto Kanellopoulou (Referatsleiterin in der Generaldirektion JUST der EU-Kommission), Kim Van Sparrentak (Mitglied des EU-Parlaments, Grüne), Urs Buscke (Senior-Jurist bei BEUC) und Louise Beltzung (konsument:innenpolitische Referentin der Arbeiterkammer Wien), moderiert von Itxaso Domínguez de Olazábal (Policy Advisor bei EDRi). Die Diskussion wurde mit Spannung verfolgt, nicht zuletzt, da die Kommission im laufenden Verfahren gegen TikTok vorläufig festgestellt hat, dass die Plattform nicht genügend gegen Addictive Design unternommen habe.
Studie zu Addictive Design auf Instagram und TikTok
Die exzessive, bis hin zu suchtähnlicher Nutzung von Social Media, ist ein Problem für die öffentliche Gesundheit von Verbraucher:innen aller Altersgruppen – dies war der Ausgangspunkt der von der AK Wien in Auftrag gegebenen Studie zu Addictive Design von Laura Wiesböck (et al). Sie beeinträchtigt die mentale und körperliche Gesundheit, von Symptomen wie Depressionen, ADHS und Angstzuständen über Schlaf- und Konzentrationsprobleme bis hin zu chronischen Kopfschmerzen und Haltungsproblemen.
Obwohl diese Folgen gut erforscht sind, setzen viele Lösungsansätze beim individuellen Verhalten an, etwa durch Empfehlungen wie „Digital Detox“. Die Studie richtet den Fokus hingegen auf die dahinter liegenden Geschäftsmodelle und Designpraktiken, die systematisch darauf abzielen, zwanghaftes Verhalten bei Nutzer:innen zu fördern.
Auf Basis einer umfassenden Literaturrecherche entwickelte das Forschungsteam eine Taxonomie mit 55 Fragen zum Suchtpotenzial von Social-Media-Plattformen, bewertet mithilfe eines Ampelsystems. Dazu zählen etwa endloses Scrollen („infinite scrolling“), die automatische Wiedergabe von Videos („autoplay“) oder Push-Benachrichtigungen, die künstliche Dringlichkeit erzeugen. Anhand dieses Fragenkatalogs führten die Forscher:innen eine Fallstudie zu Instagram und TikTok durch. Das Ergebnis: Auf beiden Plattformen finden sich jeweils mindestens 40 suchtfördernde Designelemente.
Zwischen Innovation und Manipulation – eine Diskussion über digitale Fairness
Maria-Myrto Kanellopoulou begrüßte die Studie und betonte die Bedeutung aktueller Daten für den in Entwicklung befindlichen DFA. Dieser ziele darauf ab, Rechtslücken zu schließen und Nutzer:innen mehr Kontrolle zu geben. Von Verboten solle grundsätzlich abgesehen werden, mit möglichen Ausnahmen für Minderjährige. Sie betonte, wie die anderen Diskutierenden, dass der DFA nicht nur Minderjährige, sondern auch Erwachsene schützen muss. Maria-Myrto Kanellopoulou wies auch darauf hin, dass unfaire Geschäftspraktiken Verbraucher:innen laut dem Bericht zum Digital Fairness Fitness Check jährlich um mindestens 7,9 Milliarden Euro schädigen. Darüber hinaus entstehen auch nicht-materielle Schäden, etwa mentale Probleme infolge von Addictive Design.
Kim Van Sparrentak mahnte den DFA nicht als großes neues Regelwerk darzustellen, sondern als ein Update des Konsument:innenschutzes – die Anpassungen bestehender Regeln stoße meist auf weniger Widerstand als völlig neue Gesetze. Der Digital Services Act (DSA) reiche jedenfalls nicht aus. Während für die meisten Produkte in der EU strenge Sicherheitsanforderungen gelten, sei bei digitalen Angeboten oft kein Nachweis gesundheitlicher Unbedenklichkeit erforderlich – obwohl die Risiken belegt sind. Dazu zählen eine verringerte Aufmerksamkeitsspanne, beeinträchtigte Emotionsregulation und sogar Veränderungen der grauen Gehirnsubstanz, die für zentrale kognitive Prozesse wie Denken, Lernen und Gedächtnis zuständig ist.
Dass hier konkrete Veränderungen möglich sind, betonte Louise Beltzung. Plattformen seien – anders als etwa Nikotin – nicht von Natur aus süchtig machend. Sie könnten Nutzer:innen auch durch hochwertige Inhalte an sich binden. Manche Addictive Design-Elemente müssten verboten, andere Funktionen jedenfalls deaktivierbar sein. Schwieriger werde es bei algorithmischer Personalisierung - wer ein Video ansieht, erhält danach oft überwiegend ähnliche Inhalte. Das sei nicht grundsätzlich abzulehnen, doch Trends wie „hack the algorithm“ zeigen, dass Nutzer:innen kaum Kontrolle über ihre Feeds haben: angesichts der belegten Risiken sei das nicht akzeptabel.
Auch Urs Buscke forderte mehr Klarheit: Der DFA müsse als horizontales Instrument alle relevanten Bereiche abdecken, nicht nur Social Media. Addictive Design finde sich inzwischen auch in Videospielen, Online-Marktplätzen, Streaming-Diensten und Chatbots. Auch er sprach sich für eine Kombination aus Verboten und Wahlmöglichkeiten für Nutzer:innen aus. Letztlich gehe es im Verbraucher:innenschutz darum, die Autonomie von Entscheidungen zu sichern – eine Autonomie, die durch Addictive Design gezielt untergraben wird.
Ergänzend zu den Ergebnissen der vorgestellten Studie wies Laura Wiesböck darauf hin, dass auch andere Plattformen, wie Marktplätze, Dating-Plattformen oder Karrierenetzwerke Addictive Design-Elemente einsetzen. Zusätzlich zu den gesundheitlichen Risiken der Aufmerksamkeitsökonomie, dürfe auch deren Auswirkungen auf demokratische Strukturen nicht unterschätzt werden. Algorithmen bevorzugen oft extreme, radikale Inhalte, die im Widerspruch zu demokratischen Grundprinzipien stehen. So ermittelte die Universität Potsdam, dass im Zuge ostdeutscher Landtagswahlen Inhalte der AfD deutlich öfter in Feeds junger Menschen eingespielt wurden, als die von anderen Parteien.
Weiterführende Links
AK Wien: ADDICT - Studie zu suchtfördernden Designs und Praktiken
AK Wien: Pressekonferenz: Wie uns Insta & Co. Süchtig macht!
AK Wien: Die Tricks der Online-Händler
BEUC: Towards the Digital Fairness Act (Nur Englisch)
AK EUROPA: Unzureichender Verbraucher:innenscAhutz im Internet. Das Ergebnis der Eignungsprüfung „Digitale Fairness“ ist da
AK EUROPA: Digitale Fairness - Selbstbestimmung von Konsument:innen in der digitalen Welt absichern
Legislative Train Schedule: Digital Fairness Act (Nur Englisch)