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ZurückGemeinsam mit der Gewerkschaft vida und der European Transport Workers’ Federation (ETF) lud AK EUROPA am 4. März 2026 zur Veranstaltung „Improving Railway Safety“ in die Ständige Vertretung Österreichs bei der EU ein. Ziel der Gesprächsrunde war es, einen Einblick in die Arbeitspraxis im europäischen Eisenbahnsektor zu geben und mit Repräsentant:innen von Kommission, Rat und EU-Parlament über aktuelle Herausforderungen und mögliche Verbesserungen im Bereich der Eisenbahnsicherheit zu diskutieren.
Die leitende Frage der Veranstaltung war, wie der grenzüberschreitende Eisenbahnsektor für Arbeitnehmer:innen und Fahrgäste attraktiv und sicher gestaltet werden kann. Für die ETF steht fest, dass ein sicherer Eisenbahnsektor nur möglich ist, wenn er zugleich gute Ausbildungsstandards und attraktive Arbeitsbedingungen bietet. Aktuell stehen dabei zwei Themen im Zentrum: die Implementierung einer digitalen, fälschungssicheren Arbeitszeiterfassung und die bevorstehende Revision der Triebfahrzeugführerrichtlinie (TDD). Die Vortragenden zeigten anhand konkreter Beispiele, wie eng die Eisenbahnsicherheit mit hohen Trainingsstandards, ausreichenden Sprachkenntnissen und guten Arbeitsbedingungen verbunden ist. Die Einbindung der Arbeitnehmer:innen in die europäischen Entscheidungsprozesse ist daher ein entscheidender Faktor für einen gut funktionierenden Eisenbahnverkehr.
Den Eröffnungsvortrag hielt Gerhard Tauchner, Präsident der ETF-Sektion Eisenbahn. Er gab einen Überblick über die zentralen Herausforderungen im Sektor. Anschließend kamen Jedde Hollewijn, leitende Referentin für Eisenbahnwesen der ETF, Joachim Lücking, Leiter des Referats Eisenbahnsicherheit und Interoperabilität in der Generaldirektion Mobilität und Verkehr (DG MOVE) der EU-Kommission, Marco Hörtenhuber-Stuhl, ETF-ERA-Koordinator, sowie Hervé Pineaud vom Lenkungsausschuss der ETF-Lokführer zu Wort. Sabine Stelczenmayr, Expertin für Eisenbahnpolitik der AK Wien, übernahm die Moderation. Nach den Vorträgen wurde mit den anwesenden Vertreter:innen der EU-Institutionen diskutiert. Dabei stieß die Veranstaltung insbesondere unter den zuständigen Attaché(e)s auf großes Interesse.
Gute Ausbildung und Arbeitsbedingungen als Voraussetzungen für Eisenbahnsicherheit
Gerhard Tauchner betonte, dass die Sicherheit auf der Schiene in direktem Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen und der Ausbildung der Beschäftigten steht. Es sei wichtig, den Eisenbahnsektor nicht nur technisch zu harmonisieren, sondern auch attraktiver für Arbeitnehmer:innen zu gestalten. Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft sei es notwendig, diese im Sinne der Arbeitnehmer:innen und Fahrgäste zu implementieren. Insbesondere müsse endlich eine digitalisierte und fälschungssichere Aufzeichnung der Arbeits-, Lenk- und Ruhezeiten eingeführt werden. In der derzeitigen Praxis würden Arbeitszeiten häufig erst im Nachhinein eingetragen. Das könne dazu führen, dass Arbeitnehmer:innen bis zu 14 Stunden am Stück arbeiten – eine Gefahr für die Beschäftigten selbst und die Sicherheit des gesamten Bahnbetriebs. Daher begrüßte Tauchner, dass die EU-Kommission dieses Problem erkannt habe und offen für Lösungsvorschläge sei.
Bei der geplanten Revision der TDD sei es ebenso entscheidend, dass die Positionen der ETF in die Überarbeitung einfließen. Die TDD enthält zentrale Regelungen zu Zertifizierungen, Sprachniveau, Ausbildung sowie zu medizinischen Anforderungen und regelt damit das Ausbildungsniveau von Triebfahrzeugführer:innen, die für einen sicheren Fahrbetrieb und kompetentes Agieren in Notfällen verantwortlich sind.
Für Jedde Hollewijn ist Sicherheit die Grundlage des Eisenbahnsystems. Der Bahnverkehr ist nach wie vor die sicherste Transportart, was auf zielgerichtete Investitionen, robuste Regulierung und gut ausgebildete Arbeitnehmer:innen zurückzuführen sei. Jüngste Unfälle in Spanien zeigten jedoch, dass Sicherheit nicht selbstverständlich sei, sondern konstantes Bemühen erfordere. Dafür brauche es entsprechende Mittel. Der Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit führe hingegen zu Personalabbau, fragmentierten Arbeitszeiten, der Auslagerung von Sicherheitsmaßnahmen und weniger Kontrollen –also einem Wettlauf nach unten. Im Zuge der europäischen Harmonisierung fielen nationale Regeln weg, etwa die Mindestpersonalbesetzung pro Zug in Italien. Die in Österreich gesetzlich geregelte bezahlte Freistellung von Bahnbediensteten nach einem Unfall für einen Zeitraum von 72 Stunden blieb letztlich nur auf Druck der ETF erhalten. Arbeitnehmer:innen seien jedoch kein Hindernis für Interoperabilität, Sicherheitsmaßnahmen seien vielmehr Investitionen in das öffentliche Vertrauen.
Joachim Lücking betonte, dass die Kommission die Arbeitnehmer:innen keinesfalls als Hindernisse für Interoperabilität betrachte. Mit der bevorstehenden Revision des Mandats der Europäischen Eisenbahnagentur (ERA), werde die Kommission gewährleisten, dass die Sicherheit gestärkt wird, ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, verbesserte Kontrollsysteme implementiert werden und die Mitgliedstaaten besser unterstützt werden können. Lücking widersprach jedoch ausdrücklich der Ansicht, dass die Harmonisierung nationaler Regelungen die Sicherheit schwächen würde. Nationale Regeln durch EU-Regelungen zu ersetzen, würde zu mehr Sicherheit und Interoperabilität führen und sei ein wichtiger Schritt für die Vereinfachung des grenzüberschreitenden Verkehrs. Die Kommission sei aber offen für Vorschläge im Bereich der Arbeitsbedingungen, insbesondere zur fälschungssicheren Aufzeichnung von Lenk- und Ruhezeiten.
Praxisberichte zur Arbeitszeiterfassung und Sprachkompetenz
Marco Hörtenhuber-Stuhl zufolge könne man auf die Sicherheit im Schienenverkehr stolz sein. Sie hänge von der Infrastruktur, den Vorschriften, der Technologie und nicht zuletzt den Menschen, die das System betreiben, ab. Diese tragen eine enorme Verantwortung. Umso wichtiger sei es, dass Bahnbedienstete ausgeruht ihrer Arbeit nachgehen können. Bei der Einführung einer digitalen, fälschungssicheren Aufzeichnungsmethode gehe es nicht um Überwachung, sondern um die Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs, die Gesundheit der Triebfahrzeugführer:innen und die Vermeidung von Unfällen. Aufgrund der steigenden Zahl grenzüberschreitender Fahrten in Europa würde ein harmonisiertes Zeiterfassungssystem immer wichtiger werden. Derzeit seien die Aufzeichnungsmethoden fragmentiert und inkonsequent.
Herve Pineaud wies abschließend noch einmal auf die Notwendigkeit sprachlicher Mindestkompetenzen der Triebfahrzeugführer:innen hin. Diese kommunizieren mit verschiedenen Personen, darunter Fahrdienstleiter:innen, Zugpersonal und Fahrgästen – und in Notfällen auch mit Einsatzleiter:innen. Dabei kann es zu längeren und komplexen Kommunikationsabläufen kommen. Bei Grenzübertritten stellt das Sprachniveau in der Praxis hingegen keine wirkliche Hürde dar. Entweder beherrschen die Triebfahrzeugführer:innen die erforderliche Sprache oder es erfolgt ein Personalwechsel an der Grenze. Daher lehnt die ETF es im Zuge der TDD-Revision ab, das derzeitige Sprachniveau (B1) abzusenken oder eine einheitliche Sprache im Eisenbahnsektor einzuführen.
Fragerunde und Diskussion
In der Diskussion wurden unter anderem Vergleiche mit anderen Verkehrsträgern gezogen. Dabei wurde deutlich, dass die Herausforderungen jeweils spezifisch sind. Im Unterschied zu einem LKW könne eine Lokomotive nahezu ohne Unterbrechung einen ganzen Tag im Einsatz sein. Eine fälschungssichere Zeiterfassung würde zusätzlich dadurch erschwert, dass Lokführer:innen zunehmend für verschiedene Eisenbahnverkehrsunternehmen arbeiten. Bei Zugverspätungen könne zudem nicht sichergestellt werden, dass die vorgeschriebenen Ruhezeiten eingehalten werden. Es ginge daher weniger um die Erfassung von Echtzeitdaten, als um die Kontrollmöglichkeit der erfassten Zeiten und die tatsächliche Einhaltung der Ruhezeiten.
Eine einheitliche Arbeitssprache, wie sie im Flugverkehr mit Englisch üblich ist, würde sich demgegenüber aufgrund der Notwendigkeit einer raschen und kompetenten Kommunikation mit Einsatzkräften nicht anbieten. Auch KI-gestützte Methoden könnten im Notfall nur schwer Abhilfe schaffen. Gerhard Tauchner betonte daher zum Abschluss noch einmal, dass die ETF als Sozialpartner mit höchster Expertise in die laufenden Arbeiten zur Revision der TDD eingebunden und an deren Ausgestaltung beteiligt werden muss.
Weiterführende Links
vida: Für mehr Eisenbahnsicherheit
AK EUROPA: Erfolgskriterien für die Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene
AK EUROPA Forderungskatalog: Die Mobilitätswende gestalten
AK EUROPA: Die Mobilitätswende auf Schiene bringen. Lehren aus der Bahnliberalisierung und neue Wege für Mensch und Umwelt
Gesunde Arbeit: Freistellung für Bahnbedienstete nach Unfall hat sich bewährt
ETF: Spanish railway unions win major safety agreement on first day of strike (nur Englisch)
ETF: EU rail experts, ETF and CER, call for safe and feasible TDD Revision (nur Englisch)
EU-Kommission: Evaluation of the European Union Agency for Railways (nur Englisch)