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ZurückMit der Spar- und Investitionsunion soll der Zugang zu Finanzierung erleichtert und Investitionen gefördert werden. Der digitale Euro soll als digitale Version des bestehenden Euro eine Alternative zu anderen digitalen Zahlungsmethoden bieten. Wir haben über diese großen EU-Vorhaben mit der neuen Generalsekretärin von Finance Watch, Isabelle Buscke, gesprochen.
Isabelle Buscke ist seit Jänner 2026 Generalsekretärin von Finance Watch, einer unabhängigen europäischen Non-Profit-Organisation, die für die Gestaltung des Finanzwesens im Sinne der Bürger:innen kämpft. Buscke ist Expertin für EU-Finanzpolitik und Konsument:innenschutz und verfügt über eine langjährige Erfahrung in der europäischen Interessenvertretung. Im ersten Teil des Interviews sprach AK EUROPA mit ihr über aktuelle EU-Initiativen, wie die Spar- und Investitionsunion (SIU) und den digitalen Euro. Der zweite Teil widmet sich Sustainable Finance, Lobbying und der Finanzstabilität und wird im nächsten Newsletter veröffentlicht.
AK EUROPA: Was sind die Ziele und Aufgaben von Finance Watch?
Buscke: Finance Watch feiert dieses Jahr sein 15-jähriges Bestehen. Wir sind ein Produkt der Finanzkrise 2008. Nach dem Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank in den USA und dem Dominoeffekt, den das auslöste, flossen viele Steuergelder in die Stabilisierung des Finanzsystems. Als zivilgesellschaftliche Organisation wurden wir von Konsument:innenschutzverbänden, Umweltverbänden und Gewerkschaften gegründet. Wir sollen auf die Gesetzgebung einwirken und Expertise anbieten, wie ein Finanzsystem aussieht, das den Menschen nutzt. Unser Leitstern ist ein Finanzsystem, das so stabil ist, dass es nicht mit Steuergeldern gerettet und von außen stabilisiert werden muss. Es muss der Realwirtschaft nutzen, wo etwas produziert wird, und nicht nur sich selbst dienen. Wir richten uns an Entscheidungsträger:innen auf EU-Ebene, also an Europäische Kommission, Rat der Europäischen Union und Europäisches Parlament. Und wir arbeiten mit den drei europäischen und den nationalen Finanzmarkt-Aufsichtsbehörden zusammen. Darüber hinaus informieren wir die Öffentlichkeit über aktuelle Themen, die häufig sehr komplex wirken, aber konkrete Auswirkungen für uns alle haben.
AK EUROPA: Welche finanzmarktpolitischen Themen werden derzeit auf EU-Ebene diskutiert? Und gibt es wichtige Herausforderungen, die zu wenig Beachtung finden?
Buscke: Politisch betrachtet würde man die SIU hervorheben. Der Hintergrund ist, dass die Kapitalmärkte in Europa nicht gut in einem Binnenmarkt zusammengeführt sind. Daher fließen viele Finanzinvestitionen in die USA. Die Ambition der SIU liegt zum einen darin, dass das Geld in Europa bleibt. Das funktioniert mit unserem derzeitigen regulatorischen Rahmen noch nicht. Andererseits braucht es aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Lage mehr Investitionen. Das ist die Analyse der Kommission und deshalb dominiert das Thema. Die SIU ist ein riesiger Blumenstrauß an Einzelmaßnahmen und wir verfolgen einige davon.
Aber wir schauen mit Sorge auch auf andere Themen, die nicht oft in den Schlagzeilen stehen. Nach der Finanzkrise wurden Banken zwar besser reguliert, wozu auch Finance Watch beigetragen hat. Wir haben jetzt mehr Daten und wissen besser, wie „gesund“ Banken sind. Aber neben Banken gibt es Fonds, Investmentmanager, Versicherungen und viele andere Akteure. Die sind immer noch nicht ausreichend reguliert. Früher wurden diese unter dem Begriff „Schattenbanken“ zusammengefasst. Wie der Name schon sagt, fehlt es dort an Transparenz. Viele Berichte, unter anderem von der Europäischen Zentralbank (EZB), deuten darauf hin, dass sich die Risiken dort wieder erhöhen. Externe Schocks, etwa ein Börsencrash, können diese Risiken entzünden und in eine neue Finanz- und Wirtschaftskrise führen. 2027 wird die Europäische Kommission einen Stresstest für diese Nichtbanken-Finanzinstitute durchführen, um zu verstehen, wo genau die Risiken liegen. Wir werden in wenigen Wochen auch einen Bericht zum Thema Schattenbanken veröffentlichen. Expert:innen warnen auch davor, dass der Hype um Investitionen in künstliche Intelligenz eine Blase sein könnte. Und wir haben weiterhin sehr viele Investitionen in klimaschädliche Aktivitäten. Wenn der Klimawandel sich verschärft, sind das Investitionen, die dann im wahrsten Sinne des Wortes „absaufen“.
AK EUROPA: Bei der SIU geht es ja darum, den Kapitalmarkt zu vertiefen. Verstärkt die SIU die genannten Risiken? Oder gibt es Potenzial, den Finanzmarkt der Realwirtschaft anzunähern?
Buscke: Da gibt es noch keine klare Antwort. Zum Beispiel schlägt die Kommission vor, die Regulierung von Verbriefungen wieder zu lockern, wo Kredite als Finanzprodukte weiterverkauft werden, was auch einer der Auslöser der letzten Finanzkrise war. Die Banken sollen so mehr Spielraum haben, damit sie Kredite für die Realwirtschaft vergeben. Das sehen wir kritisch, weil es falsche Anreize setzt. Erstens, weil wir wissen, wie gefährlich es ist, und zweitens, weil nicht gesagt ist, dass es wirklich mehr Investitionen in die Realwirtschaft leitet. Im Moment sehen wir, dass die Banken sehr wohl noch Liquidität für Kredite hätten. Stattdessen schütten sie hohe Dividenden aus und erhöhen Gehälter in Führungsetagen. Wir sehen aber schon auch das Problem der Kapitalmarktfragmentierung. Es ist nicht besonders einleuchtend, dass wir nationale Regelungen für Kapitalmärkte haben, die potenziell global sein können. Eine harmonisierte Aufsicht mit klaren Regeln, die leichter zu befolgen sind, würden wir unterstützen.
AK EUROPA: Der digitale Euro soll eine öffentliche, europäische Alternative zu Bargeld und ausländisch dominierten Zahlungssystemen schaffen. Wie ordnet ihr dieses Vorhaben ein?
Buscke: Der digitale Euro ist die digitale Version des bestehenden Euros. Dafür soll eine Infrastruktur geschaffen werden, also Bezahl- und Aufladeterminals und Möglichkeiten, wie man den digitalen Euro in die eigene digitale Brieftasche laden kann. Zum Beispiel könnte man ihn auf eine Karte laden, wie früher bei Telefonkarten. Diese könnte man auch offline benutzen. Das kann Vorteile bieten, zum Beispiel bei Stromausfällen. Andererseits kann er über digitale Endgeräte wie ein Smartphone funktionieren. Man hätte eine digitale Brieftasche, mit der man digital zahlen kann, wie das ja viele Menschen ohnehin bereits machen. Der Vorteil wäre, dass das eine Währung wäre und kein reines Zahlungssystem, wie wir das zum Beispiel von Visa, Mastercard, PayPal oder anderen Anbietern kennen. Mit dem digitalen Euro würden wir uns auch von US-amerikanischen - und in Zukunft auch chinesischen Zahlungsdienstanbietern – unabhängig machen. Insgesamt soll eine souveräne und unabhängige digitale Zahlungsinfrastruktur geschaffen werden. Finance Watch hält das grundsätzlich für eine gute, zukunftsorientierte Idee. Wir setzen uns dafür ein, dass der digitale Euro für alle Menschen zugänglich ist, also auch für jene ohne festen Wohnsitz oder ohne Zugang zu Bankkonten. Er soll leicht handhabbar sein, also mit Karte oder mit Endgerät, und die Privatsphäre respektieren. Zahlungen und Transaktionen sollten im Vergleich zu den heutigen digitalen Zahlungssystemen kostengünstiger sein.
Das Gespräch wurde in zwei Teile geteilt, der zweite Teil folgt in der kommenden Ausgabe unseres Newsletters.
Weiterführende Informationen:
EU Kommission: Spar- und Investitionsunion: bessere finanzielle Möglichkeiten für EU-Bürgerinnen und -Bürger sowie Unternehmen in der EU
Europäische Zentralbank: Der digitale Euro
AK EUROPA: Neuer Name, alte Herausforderungen. Die Spar- und Investitionsunion der EU
AK EUROPA: Digitaler Euro. Verbesserungen für Konsument:innen gefragt!
AK EUROPA: Katze aus dem Sack: Finanz- und Wirtschaftskrise wird endgültig zur Beschäftigungskrise
AK Wien: Schattenbanken in Europa
Finance Watch: Mehr Risiko, kaum Ertrag? Das kuriose Comeback der Verbriefung