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ZurückIm Zuge der aktuellen Deregulierungsagenda der EU besteht die Gefahr, dass Bemühungen in Richtung nachhaltigem Finanzwesen bzw. Sustainable Finance abgeschwächt werden. Aber auch die Stabilität des Finanzmarktes könnte gefährdet werden. Aus der Finanzwirtschaft kommt hingegen Druck, wichtige Regelungen wie jene zur Eigenkapitalquote der Banken zu schwächen. Über diese und weitere Herausforderungen haben wir mit Isabelle Buscke gesprochen.
Isabelle Buscke ist seit Anfang 2026 Generalsekretärin von Finance Watch. Im ersten Teil des Interviews sprach AK EUROPA mit ihr über die Spar- und Investitionsunion (SIU) und den digitalen Euro. Der zweite Teil befasst sich mit den Themen Sustainable Finance, Stabilität des Finanzsystems und Einfluss der Finanzlobby auf die EU-Gesetzgebung.
AK EUROPA: Die EU verfolgt mit ihrer Sustainable-Finance-Agenda das Ziel, Investitionen in Richtung ökologische Nachhaltigkeit zu lenken. Im Namen der Wettbewerbsfähigkeit wird aber nun vieles dereguliert. Werden Sustainable-Finance-Initiativen damit geschwächt?
Buscke: Ja, das ist besorgniserregend. Viele Industriezweige sollten nachhaltiger werden. Dabei stellt sich auch die Frage, was das Finanzsystem dazu beitragen kann. Weiterhin Kohle, Gas und Erdöl finanzieren oder eher Windräder und Solarstrom? Es besteht außerdem das Risiko, dass Investitionen in CO2-intensive Bereiche am Ende nicht sinnvoll sind oder durch die Folgen des Klimawandels, etwa Naturkatastrophen, oder die Transition zu einem nachhaltigeren Wirtschaftssystem wertlos werden. Das wirkt sich auch auf die Stabilität des Finanzsektors aus. Trotzdem gab es einen schwerwiegenden Rückschlag im Bereich der nachhaltigen Finanzierung, indem man in der Lieferkettenrichtlinie die Transitionspläne gestrichen hat. Diese Pläne verlangen von großen Unternehmen, offenzulegen, wie sie die Klimaneutralität bis 2050 erreichen wollen. Das müssen sie nun nicht mehr machen, weshalb nun vieles an Transparenz und Planbarkeit verloren geht. Denn zur Offenlegung und Kategorisierung eines Finanzinstruments, ist es wichtig zu wissen, auf welchem Weg sich ein Unternehmen befindet.
AK EUROPA: Finance Watch wurde nach der Finanzkrise gegründet, um sich für Stabilität im Finanzwesen einzusetzen. Wie stabil ist es aktuell und wie könnte man die Stabilität verbessern?
Buscke: Die Finanzkrise ist 18 Jahre her und die Aufräumarbeiten haben vor circa 15 Jahren begonnen. Trotzdem sind die international vereinbarten Regeln zur Stabilisierung des globalen Finanzsystems, die sogenannten Basel-Regeln, immer noch nicht alle umgesetzt, und jetzt versucht man sie auch noch abzuschwächen. Die Banken argumentieren, dass es keine Zusammenbrüche gab und daher kein Grund für mehr Regulierung bestehe. Tatsächlich gab es aber in den letzten Jahren immer wieder Vorkommnisse mit potenzieller Ansteckungsgefahr für den Finanzsektor. Hier sind Staaten stabilisierend eingesprungen, zum Beispiel bei Credit Suisse oder der Silicon Valley Bank. Auch im Bereich der Schattenbanken steigt das Risiko. Wir haben im Moment auch noch weitere Risikofaktoren, zum Beispiel die hohe Staatsverschuldung der USA und die absichtliche Abwertung des US-Dollars. Außerdem entsteht rund um den KI-Hype gerade eine größere Blase an den Börsen, die an die Dotcom-Blase der 2000er-Jahre erinnert. Eine gute Nachricht ist es aber, dass man bei den EU-Aufsichtsbehörden deutlich nachgeschärft hat. Auch diese versuchen vor dem Risiko einer neuen Finanzkrise zu warnen.
AK EUROPA: Wie setzt sich Finance Watch noch für ein stabileres Finanzwesen ein?
Buscke: Für Finance Watch bedeutet das erstens darauf hinzuweisen, dass wir seit 2008 weitere Krisen durchlebt haben, die die Staatshaushalte stark beanspruchten. Zum Beispiel wurde während der Coronakrise die Wirtschaft breitflächig gestützt, was die Staatskassen bis heute belastet. Wir können jetzt nicht nochmals in der Größenordnung wie 2008 intervenieren. Zweitens sprechen wir mit Entscheidungsträger:innen, denn viele unserer Forderungen sind bis heute nicht umgesetzt, etwa die Trennung vom Geschäftsbankenwesen, wo Kredite vergeben werden, und dem Investmentbanking, wo spekuliert wird. Außerdem besteht nach wie vor ein Interessenkonflikt beim Vertrieb von Finanzprodukten. Diejenigen, die Produkte verkaufen, werden über Provisionen der Produktausgeber:innen bezahlt. Somit entsteht ein Anreiz, Produkte mit den höchsten Provisionen zu verkaufen, statt jene, die am besten auf die Bedürfnisse der Verbraucher:innen zugeschnitten sind.
AK EUROPA: Wie schätzt du den Einfluss der Finanzlobby auf die EU-Gesetzgebung ein? Hat sie Einfluss auf die SIU oder die Abschwächung von Sustainable Finance gehabt? Vor kurzem haben Finanzdienstleister ja auch die Forderung nach einem Finanz-Omnibus eingebracht.
Buscke: Ja, das ist ein Riesenproblem. Wir sind bei Finance Watch 15 Angestellte. Allein die europäische Bankenvereinigung, der Dachverband der nationalen Verbände, hat doppelt so viele Mitarbeiter:innen wie wir in Brüssel. Da habe ich die hier ebenfalls vertretenen nationalen Verbände noch gar nicht mitgezählt. Dann gibt es noch die Lobbybüros der einzelnen Unternehmen. Die Personalstärke der Finanzlobby in Brüssel ist enorm. Und ja, sie fordern lautstark einen Omnibus, also dass man mit einem einzigen Gesetzesvorschlag Änderungen an verschiedenen anderen Gesetzen vorsieht. Verwerflich dabei finden wir die Herangehensweise der Europäischen Kommission, die ihre eigenen Regeln zu guter Rechtssetzung ignoriert. Vor allem von den Banken kommt auch der Druck, die Regulierung der Eigenkapitalquoten zurückzufahren. Das sehen wir höchstkritisch, denn die Eigenkapitalquote ist die Versicherung unserer Gesellschaft gegen die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise.
AK EUROPA: Wie könnte ein fairer und sicherer EU-Finanzmarkt aussehen? Und welche drei Maßnahmen würdest du jetzt umsetzen, wenn du könntest?
Buscke: Man sollte dem Grundsatz „gleiches Risiko, gleiche Regulierung und gleiche Aufsicht“ stärker folgen. Beim Thema Risiko sollte man alle Risiken für die Finanzmarktstabilität einbeziehen, auch diejenigen, die mit dem Klimawandel zusammenhängen. Gleiche Regeln für gleiches Risiko heißt auch, Schattenbanken mit einzubeziehen. Der zweite Punkt wäre, Risiken klarer voneinander zu trennen, damit sie am Ende nicht der Gesellschaft aufgebürdet werden, wie bei der oben erwähnten Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken. Und auf der Vertriebsseite sollte man ein stringentes Provisionsverbot einführen, damit Konsument:innen besseren Zugang zu passenden und guten Finanzprodukten bekommen.
Weiterführende Informationen
AK EUROPA: Finanzmärkte im Interesse der Gesellschaft gestalten. Ein Interview mit der Generalsekretärin von Finance Watch, Isabelle Buscke
AK EUROPA: Neuer Name, alte Herausforderungen. Die Spar- und Investitionsunion der EU
AK EUROPA: Digitaler Euro. Verbesserungen für Konsument:innen gefragt!
Finance Watch: Die Abschaffung finanzwirtschaftlicher Schutzbestimmungen wird die Bevölkerung teuer zu stehen kommen
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AK Wien: Schattenbanken in Europa
Finance Watch: Die Finanzwelt verstehen – Großbanken aufspalten?
Verbraucherzentrale: Warum Provisionen in der Finanzberatung ein Problem sind
Finance Watch: The Financial Lobby Machine (nur Englisch)