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ZurückAm 6. Februar 2026 wurde das Erfolgsmodell Öko-Booster bei einer Vormittagsveranstaltung mit AK Präsidentin Renate Anderl einer Fachöffentlichkeit in Brüssel präsentiert. Im Rahmen des Kooperationsprojekts von AK Wien, Wiener Arbeitnehmer:innen Förderungsfonds (waff) und Arbeitsmarktservice Wien (AMS Wien) werden seit 2023 junge Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung zu Fachkräften für die Energiewende ausgebildet. Bei der Veranstaltung im Brüsseler Wien-Haus stieß die Initiative auf großes Interesse. Schließlich stehen Regionen in ganz Europa vor ähnlichen Herausforderungen.
Die Leiterin des Wien-Hauses Michaela Kauer begrüßte die Besucher:innen und führte durch die Veranstaltung. In ihren einleitenden Worten hob sie die Bedeutung sozialer Politik hervor, umso mehr in einer Zeit großer Veränderungen und Krisen. Auch AK Präsidentin Renate Anderl betonte in ihrer Eröffnungsrede, dass in Zeiten großer Umbrüche in der Arbeitswelt Projekte benötigt werden, die den Menschen Chancen auf gute und zukunftssichere Jobs geben. Das Projekt Öko-Booster setze genau hier an, indem es jungen Menschen neue Perspektiven eröffnet und gleichzeitig Verantwortung für gut ausgebildete Fachkräfte in Zeiten der Klimakrise übernimmt. Der von der EU geplante Talentpool könne das nicht leisten, vielmehr seien wirksame Fachkräftestrategien nötig.
Im Anschluss stellte AK-Projektleiterin Elisabeth Felbermair den Öko-Booster vor und berichtete über seine Erfolge und Herausforderungen. Vertreter:innen aus verschiedenen Bereichen – von der EU-Kommission und dem EU-Parlament über Interessenvertretungen und Thinktanks bis zu den Länderbüros deutscher und österreichischer Bundesländer – nahmen an der Veranstaltung teil und gaben in der anschließenden Diskussionsrunde wertvolle Impulse.
Mit Fachkräften die Klimawende bewältigen
Ausgangspunkt des Öko-Boosters ist das Raus aus Gas-Programm, mit dem die Stadt Wien die Wärmeversorgung bis 2040 vollständig klimaneutral und emissionsfrei gestalten möchte. Das bedeutet unter anderem, über eine halbe Million Gasthermen gegen umweltfreundliche und erneuerbare Heizsysteme auszutauschen. Dazu werden insbesondere Elektrotechniker:innen und Installations- und Gebäudetechniker:innen benötigt. Gleichzeitig verzeichnet das AMS Wien über 17.000 junge Erwachsene unter 25 Jahren ohne Schul- oder Berufsausbildung, die arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet sind. Ungefähr 40 Prozent davon sind Personen, die einen Aufenthalts- und Arbeitsmarktstatus als Konventionsflüchtlinge oder subsidiär Schutzberechtigte haben. Für sie ist der Zugang zum Arbeitsmarkt besonders schwierig.
Hier setzt das Projekt Öko-Booster an. Die Zielgruppe umfasst 18- bis 25-jährige, die maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen und beim AMS Wien gemeldet sind. Sie sollen für zukunftsfähige Jobs und gefragte Positionen ausgebildet werden. Die Ausbildung berücksichtigt dabei ihre individuellen Bedürfnisse und hebt ihre Deutsch- und Grundkompetenzen auf das erforderliche Niveau. Die ersten Lehrgänge begannen im Juni 2023, die letzten Ende 2025. 30 Personen haben bereits erfolgreich abgeschlossen, weitere 150 befinden sich derzeit in Ausbildung. Erreicht wurden Interessierte durch Multiplikator:innen, also Trainer:innen und Sozialpädagog:innen, die sie in AMS-Maßnahmen betreuen.
Wie funktioniert die Ausbildung im Öko-Booster im Detail?
Das österreichische System sieht neben der dualen Berufsausbildung, die eine (über)betriebliche Lehrausbildung inklusive Berufsschule umfasst, auch zwei Möglichkeiten der Fachkräftequalifizierung auf dem zweiten Bildungsweg vor. Einerseits können Volljährige mit einschlägiger Berufserfahrung außerordentlich zur Lehrabschlussprüfung (LAP) antreten. Andererseits können sie ohne Vorkenntnisse an einer verkürzten Facharbeiter:innen-Intensivausbildung (FIA) teilnehmen und ebenfalls auf dem außerordentlichen Weg die LAP absolvieren. Das Projekt Öko-Booster basiert auf der FIA und erweitert sie um ein Vormodul. Dieses dauert sechs Monate. Um Ungleichheiten im Bildungsstand auszugleichen und Wissenslücken zu schließen, werden in Kleingruppen von jeweils 15 Personen in einem berufsspezifischen und praxisorientierten Rahmen Deutsch- und Grundkompetenzen vermittelt. Außerdem werden mit Themen wie Werkzeugkunde, Schutzmaßnahmen und Metallbearbeitung die ersten Schritte in Richtung Berufsausbildung gemacht. Darauf folgt die Intensivausbildung. Dabei kann zwischen den Fachrichtungen Elektro- und Gebäudetechnik bzw. Installations- und Gebäudetechnik gewählt werden.
Während der gesamten Ausbildungszeit steht den Teilnehmer:innen eine umfassende Begleitstruktur zur Verfügung. Diese besteht aus sozialpädagogischer Unterstützung in sozialen, finanziellen und sonstigen Problemlagen. Außerdem wird der Fokus auf die Stärkung des Gruppenzusammenhalts gelegt. Es werden auch Exkursionen und Workshops zu fachspezifischen Themen sowie zu anderen Themen wie Demokratie oder Finanzbildung angeboten. Im Bedarfsfall können die Teilnehmer:innen auch ein psychosoziales Beratungsangebot in Anspruch nehmen. Diese Struktur solle eine weitreichende Unterstützung der Teilnehmer:innen gewährleisten, die häufig aus prekären Lebenssituationen kommen oder psychisch belastende Erfahrungen gemacht haben.
Der Öko-Booster als Modell für zukünftige Initiativen
Zum Abschluss ihrer Präsentation zeigte Felbermair einen Film, in dem die Teilnehmer:innen selbst zu Wort kamen und ihre große Motivation spürbar wurde. In der anschließenden Diskussion wurde vor allem das Potential des Projekts als Modell für zukünftige Initiativen erörtert. Laut Felbermair ist es wichtig, die gewonnenen Erkenntnisse auf andere Projekte auszuweiten. Der Öko-Booster habe das Potential, wegweisende Impulse für ähnliche Initiativen über die Grenzen Wiens hinaus zu setzen. Zudem wurden die Hindernisse und Schwierigkeiten besprochen, die während des Projektes aufkamen. Auf Arbeitgeber:innenseite bestünde eine gewisse Skepsis gegenüber Fachkräften, die nicht im eigenen Betrieb ausgebildet wurden. Gleichzeitig seien viele Betriebe nicht bereit, das Geld für die Ausbildung selbst aufzubringen.
Generell sei in Zeiten zunehmender Sparpolitik Planungssicherheit ein Problem, da öffentliche Gelder fehlen. Mögliche Ansatzpunkte auf europäischer Ebene könnten im Rahmen des Europäischen Semesters oder bei der Europäischen Investitionsbank (EIB) gefunden werden. Auch Städte und städtische Betriebe könnten stärker in entsprechende Projekte eingebunden werden. Hervorgehoben wurden auch die gesellschaftlichen Kosten des Nichthandelns: Investitionen in Erwachsenenbildung, gerade von jungen Erwachsenen, zahlen sich auf lange Sicht jedenfalls aus.
Weiterführende Information:
Wiener Arbeitnehmer:innen Förderungsfonds: Ökobooster - Verändere die Welt als Klimaheld:in!
erwachsenenbildung.at: Mit Öko-Booster dem Fachkräftemangel begegnen
AK EUROPA: Union of Skills. EU-Initiative für Qualifizierung braucht ein Recht auf Weiterbildung
Elisabeth Felbermair/Gabriele Schmid: Öko-Booster - Junge Menschen mit Migrationshintergrund werden zu Fachkräften für die Energiewende
Patricia Lorenzo/Sander Heinsalu/Tania Fernandez Navia: The Returns to Investing in Education (nur Englisch)
Michael Kalinowski: Junge Erwachsene ohne Berufsabschluss – ungenutzte Fachkräftepotenziale?
STATISTIK AUSTRIA: Bildung in Zahlen 2023/2024