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ZurückSeit dem Ausbruch des neuen Kriegs im Nahen Osten und der Blockade der Straße von Hormus sind die Preise fossiler Energie in der EU stark angestiegen. Die EU-Kommission reagiert darauf nun mit der Initiative „AccelerateEU“. Neben kurzfristigen Maßnahmen steht dabei erneut die Beschleunigung der Energiewende im Fokus. Dafür soll unter anderem das Ende 2025 vorgelegte Netzpaket rasch angenommen werden.
Bereits im Dezember 2025 legte die Kommission das Netzpaket vor, das Ausbau und Modernisierung der EU-Energieinfrastruktur vorantreiben und so Kosten senken und die Unabhängigkeit stärken soll. Auch das im März präsentierte Citizens‘ Energy Package zielt auf leistbare und saubere Energie ab. Aufgrund der aktuellen Krise wurde nun am 22. April die Mitteilung AccelerateEU veröffentlicht. Damit soll kurzfristig die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten vertieft und Verbraucher:innen sowie Produzent:innen entlastet werden, während langfristig der Fokus auf einer beschleunigten Energiewende liegt.
Energiekrise könnte die EU noch länger beschäftigen
Wie die Internationale Energieagentur (IEA) berichtet, handelt es sich bei der Schließung der Straße von Hormus um den größten Angebotsschock der Geschichte des globalen Ölmarktes. Jedoch ist Europa von den Auswirkungen weniger direkt betroffen, als es etwa 2022 der Fall war. Denn die EU hat ihre Gasversorgung diversifiziert, erneuerbare Energie ausgebaut und sich besser auf Energiekrisen vorbereitet. Trotzdem sind die Gas- und Treibstoffpreise gestiegen. Außerdem könnten indirekte Effekte durch Versorgungsengpässe in anderen Regionen und daraus resultierende Bieterwettbewerbe die Preise zusätzlich erhöhen. Schon heute erzielen Ölfirmen täglich Rekordgewinne, wie eine Greenpeace-Studie zeigt. Die Auswirkungen der Krise werden laut dem zuständigen EU-Kommissar Dan Jørgensen auch bei einem dauerhaften Frieden noch länger zu spüren sein, da viele Energieanlagen im Nahen Osten zerstört wurden.
Die Kommissionsvorschläge zu Krisenbewältigung
Die Kommission reagierte nun mit AccelerateEU auf die Krise. Im Rahmen dieser Initiative schlägt die Kommission insgesamt fünf Maßnahmenpakete vor: zwei zur kurzfristigen Unterstützung und drei zur Umsetzung langfristiger Strategien. Eine im Vorfeld diskutierte EU-weite Übergewinnsteuer für Energiekonzerne wurde nicht vorgeschlagen.
Bei den kurzfristigen Maßnahmen soll insbesondere die Koordinierung zwischen den Mitgliedstaaten verbessert werden, etwa bei der Befüllung von Gasspeichern, der Freigabe von Ölreserven und bei Flugkraftstoffen, um Wettbewerb zwischen den Staaten zu vermeiden. Andererseits sind gezielte, schnelle und befristete Unterstützungsmaßnahmen vorgesehen, um Konsument:innen und Industrie vor Preisschocks zu schützen. Dazu zählen unter anderem Maßnahmen des im März vorgelegt Citizens‘ Energy Package und flexiblere Beihilferegeln, die noch vor Ende April versabschiedet werden sollen. Von diesem temporären Krisenrahmen sollen nicht nur besonders betroffene Sektoren wie Landwirtschaft, Fischerei, Straßenverkehr und Kurzstreckenseeverkehr profitieren; es ist auch eine vorübergehende Anpassung des Beihilferahmens für den Clean Industrial Deal (CISAF) vorgesehen, um Strompreisspitzen noch stärker abfedern zu können.
Langfristig setzt die Kommission auf einen beschleunigten Umstieg auf saubere Energie. Dafür sollen erstens die Energieeffizienz und Elektrifizierung vorangetrieben werden. Zweitens sollen Investitionen in die Energiewende durch private Finanzierung, EU-Mittel und Emissionshandelserlöse mobilisiert und beschleunigt werden. Und drittens soll das Energiesystem durch effizientere Netze, schnellere Genehmigungen und mehr Speicher- und Flexibilitätskapazitäten robuster und kosteneffizienter werden. In diesem Zusammenhang ruft die Kommission auch dazu auf, die Verhandlungen zum Netzpaket zu beschleunigen.
Das Netzpaket als Strategie zur Stromkostensenkung
Die unzureichende Integration der Energieinfrastruktur in der EU verhindert eine echte Energieunion und trägt zu hohen Importabhängigkeiten sowie stark schwankenden Strompreisen bei. Laut Kommission zielt das Netzpaket darauf ab, die europäische Infrastrukturplanung zu stärken, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und eine gerechtere Aufteilung der Kosten bei grenzüberschreitenden Projekten zu gewährleisten. Darüber hinaus werden zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten vorgeschlagen. Acht Energieautobahnen, die den dringendsten Infrastrukturbedarf adressieren, wird eine besonders hohe Priorität eingeräumt.
Die AK begrüßt das Paket als wesentlichen Schritt, um die Netze im Sinne der Energiewende zu stärken. Entscheidend sind dabei aber Vorgaben für eine verursachergerechte Beteiligung kommerzieller Stromerzeuger an den Netzkosten und eine faire internationale Kostentragung. Ansonsten werden die österreichischen Netznutzer:innen durch Österreichs Rolle als Strom-Transitland weiterhin übermäßig belastet. Weiters ist eine öffentliche Ko-Finanzierung des Netzausbaus ein Gebot der Stunde, um die Netzentgelte zu senken; ein Fokus auf privates Kapital würde demgegenüber die Leistbarkeit gefährden. So zeigt eine rezente Studie im Auftrag der AK Wien, dass ein optimierter Maßnahmenmix die Finanzierungskosten um 20 Prozent senken könnte. Die im Verordnungsentwurf vorgesehene Beschleunigung von Genehmigungen ist wünschenswert, muss aber im Einklang mit Umweltschutz und Bürgerbeteiligung erfolgen.
Weiterführende Informationen
EU-Kommission: Kommission schlägt Maßnahmen zum Schutz der Europäerinnen und Europäer vor der fossilen Energiekrise vor
EU-Kommission: Commission presents measures to increase EU's energy independence and affordability (Englisch, maschinelle Übersetzung)
EU-Kommission: Kommission schlägt Modernisierung der Energieinfrastruktur der EU vor, um die Energiekosten zu senken und die Unabhängigkeit zu stärken
AK EUROPA: Industrie, Energie und Automobil. Neue Pläne für die Transformation
AK EUROPA Positionspapier: European Grids Package
A&W-Blog: (K)eine Krise wie damals?
Euractiv: The Brief – Brussels shies from severe energy economy measures (nur Englisch)
POLITICO: How the EU’s mega energy crisis plan will — and won’t — help (nur Englisch)