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Lohndumping, Verletzung der Lenk- und Ruhezeiten und ein Leben im LKW mit Aufenthalten im Heimatland im Extremfall nur alle 6 Monate sind laut Aussagen von nordischen Frächterverbänden, FahrerInnen und Gewerkschaften Realität auf Europas Straßen. Die Europäische Kommission lehnt sich jedoch nach der Liberalisierung des Frachtverkehrs auf der Straße zurück und spielt den Ball an die europäischen SozialpartnerInnen und die EU-Mitgliedstaaten weiter. Sie könnten in einen Dialog treten und die Kontrollen verbessern, so die wenig hilfreiche Anmerkung der Kommission.
Bei einer im Europäischen Parlament organisierten Diskussionsveranstaltung wurden über die teilweise schon äußerst prekären und inakzeptablen Arbeitsbedingungen für die LKW-FahrerInnen diskutiert. Der Vorsitzende der Nordic Logistics Association Erik Ostergaard berichtete darüber, dass der Druck auf die nordischen LKW-Unternehmen immer größer werde. Demnach hätten sich die Kosten für den Frachttransport früher zu je einem Drittel auf Kapitalkosten für den LKW, auf den Treibstoff und auf den Lohn aufgeteilt. LKW-Fahrzeug- und Treibstoff-Kosten seien konstant geblieben, die Löhne würden nun jedoch von Frächtern aus anderen EU-Ländern massiv gedrückt.

Mittlerweile gebe es beispielsweise bereits philippinische FahrerInnen mit lettischen Fahrzeugpapieren, die für 670 Euro im Monat auf den europäischen Straßen unterwegs seien. Durch derartiges Lohn- und Sozialdumping seien in den letzten 4 Jahren alleine in Dänemark 9.000 Jobs verloren gegangen.

Ein weiteres Problem seien für die nordischen Transporteure auch die so genannten Kabotagebestimmungen. Darunter ist die Erbringung von Transportdienstleistungen innerhalb eines EU-Mitgliedslandes durch einen Frächter mit Sitz in einem anderen Mitgliedsland zu verstehen. Für die dänischen Transportunternehmen sei hier aber vor allem die Kabotage der deutschen Frächter ein Problem: Der Marktanteil dänischer Frächter beim grenzüberschreitenden Verkehr sei dadurch von rund 50 auf 20 % gefallen, während die deutschen LKW-FahrerInnen ihren Anteil von 30 auf 50 % und die osteuropäischen FahrerInnen von unter 10 auf über 20 % erhöhen konnten.

Mariusz Krawczyk, ein LKW-Fahrer aus Frankreich beschrieb die gegenwärtige Situation bei den osteuropäischen LKW-LenkerInnen. Diese KollegInnen würden auf den Parkplätzen leben, schlafen und essen. Ihre Arbeit sei extrem schlecht bezahlt, ihre Familien würden sie nur sehr selten sehen. Der Lohnunterschied eines osteuropäischen zu einem französischen Fahrer liegt seiner Information nach bei 1.000 Euro. Laut Krawczyk war der Beruf eines LKW-Lenkers vor 15 bis 20 Jahren noch sehr begehrt bei jungen Leuten. Heute ist aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen trotz hoher Arbeitslosigkeit niemand mehr daran interessiert.

Die Beobachtungen des französischen LKW-Fahrers bestätigte im wesentlichen Roberto Parrillo, Vertreter der Europäischen Transportarbeiter-Föderation. Es sei ein fairer Wettbewerb nötig, der sei in der Praxis aber leider überhaupt nicht zu sehen. Darüber hinaus würden die bestehenden gesetzlichen Regelungen kaum kontrolliert, es gebe viele Gesetzesbrüche und viel Sozialdumping. Sein estnischer Gewerkschaftskollege Peep Peterson ergänzte, dass sich die Arbeitsbedingungen binnen zwanzig Jahren frappant verschlechtert hätten: Früher gab es noch 2 Leute in der Fahrerkabine, eine Unterkunft in einem Hotel war selbstverständlich, die Bezahlung war angemessen. All das gebe es nun nicht mehr.

Die Kommission, die die Liberalisierung im Straßentransport vorangetrieben hat, enttäuschte bei der Diskussionsveranstaltung: Die Sozialpartner sollen in einen Dialog eintreten, die Mitgliedstaaten wiederum sollten die Straßenkontrollen verstärken, so die Kommission. Davon, dass die gesetzlichen Grundlagen, die offensichtlich wesentlich zur gegenwärtigen Situation beigetragen haben, repariert werden sollen, war leider nichts zu hören. Mit einem baldigen Ende von Lohn- und Sozialdumping auf den europäischen Straßen ist daher leider nicht zu rechnen.